Erinnerungen an die Gründungszeit..

Als es 1956 begann, war ich gerade mal 13 Jahre alt. Ich besuchte das Graf-Zeppelin-Gymnasium und wurde dort von Oberstudienrat Erich Deisel in die Welt der Musik eingeführt. Bei mir war der Erfolg eher mäßig, ich selbst hielt mich für absolut unmusikalisch. Die Ergebnisse z. B. der Notendiktate bestätigten diese Einschätzung und seinen Benotungen nach zu urteilen schloss sich Herr Deisel eindeutig meiner Auffassung an.

Eines Tages sprach er vor unserer Klasse von der beabsichtigten Gründung eines Fanfarenzuges, für den Schüler des Gymnasiums als Bläser und Trommler gesucht werden.

Obwohl Noten nicht mein Fall waren, hatte ich doch keinerlei Probleme mit dem rhythmischen Anteil der Musik. Warum sollte mir daher die Landsknechttrommel Schwierigkeiten bereiten? Also meldete ich mich beim ersten Treffen zusammen mit einigen Gleichgesinnten an. Unser erster Übungsort war bei einem kleineren holzverarbeitenden Betrieb an der Ravensburger Straße. Dort standen wir vor aufgebockten Holzbrettern, erhielten Trommelstöcke und lernten zuerst, diese korrekt in die Hände zu nehmen. Dann übten wir einzelne Trommelfiguren, d.h. rhythmische Folgen von Schlägen und Wirbeln.

Zu unserer Ausbildung kam regelmäßig Karl Bott aus Ravensburg. Er war damals – zumindest für unsere Begriffe – schon reichlich betagt, hatte aber das feste Ziel vor Augen, aus uns disziplinierte Marschtrommler zu machen. Dafür setzte er seine ganze Autorität ein und wir hatten gehörigen Respekt vor ihm. Wir sollten ihn nicht enttäuschen.

Schon bald gelang es uns aus der Folge vieler einzelner Figuren ganze Trommelmärsche zu spielen. Wirbel und Schläge liefen bald fehlerfrei, wenngleich es manche Blase an den Fingern zu beklagen gab. Geübt haben wir danach auf richtigen Trommeln mit Schlag- und Resonanzfellen aus Naturmaterial. Nun galt es, das Gelernte auch beim Marschieren im Gleichschritt zu beherrschen. Hier war immer mal wieder Herrn Botts Gehstock schmerzhaft im Einsatz, wenn es mit dem Gleichschritt nicht so recht klappen wollte. Viele Übungsstunden später glaubten wir fitt zu sein. Das war auch an der Zeit, denn unser erster Auftritt sollte beim Umzug des bevorstehenden Seehasenfestes sein. Dazu wurden wir in bunte Kostüme - geliehen von der Ulmer Volksbühne - eingekleidet

Wenn ich mich recht erinnere, waren wir Trommler beim allerersten Seehasenfestauftritt noch ohne Bläser unterwegs. Wir spielten die erlernten vier Trommelmärsche und begannen dann einfach wieder von vorne. Wer allerdings glaubt, dies sei für die Zuhörer eintönig gewesen, irrt gewaltig. Wir waren ja eine ganz neue Gruppe im damals sicherlich noch bescheidenen Umzug und unser Erfolg in den prächtigen Kostümen war großartig. Sicherlich, manch einer würde heute trotzdem den Begriff „ausbaufähig“ verwenden.

In den folgenden Jahren machten wir uns auch daran. Fanfarenbläser kamen dazu. Die Stadt spendierte erste neue Kostüme. Einheitlich gekleidet und auf eine beachtliche Größe angewachsen war der Zug. Zwar hielt sich anfangs unser Repertoire noch in Grenzen, aber Jahr für Jahr erlernten wir neue Märsche.

Dass man sich als junger Mensch in dieser Gruppe Gleichinteressierter wohl fühlen konnte, war nicht zu übersehen. Neue Mitglieder waren bester Beweis dafür. Und bei allen unseren Auftritten klickten die Fotoapparate als ob wir kleine Stars wären. Auch die Mädchen fanden uns recht attraktiv. Wie sonst sollte man verstehen, dass Schülerinnen des Königin-Paulinen-Stiftes (die „Paulinchen“ gab es damals tatsächlich) uns Jahr für Jahr Rosen aus ihrem Garten an die Instrumente steckten.

Gerne erinnere ich mich an eine unserer Vorlieben, bei unseren Auftritten in der Altstadt immer durch das „Mausloch“ zu gehen (wer es nicht kennt, soll einfach einen Eingeborenen fragen). Dort gelang es uns, durch äußerste Lautstärke den losen Verputz von der Decke zu holen. Ein Beweis, wozu Schallwellen in der Lage sind. Ich gehe davon aus, dass der angerichtete „Schaden“ inzwischen verjährt ist.

Einen ganz erfreulichen Nebeneffekt zudem hatte mein Mitwirken im Fanfarenzug. Herr Deisel honorierte in den Folgejahren mein Engagement als Trommler mit der Verbesserung meines Zeugnisses in Musik um eine Note. Sollte ich ihm nicht allein dafür schon dankbar sein?

kunze.jpeg Gerhard Kunze April 2006

Reaktion einer unbekannten Leserin (09.03.2008):

Seehr geehrter Herr Kunze,

auf der Suche im Internet nach dem Ursprung des Begriffes "Seehase" wurde ich  u.a. auf den Link des Seehasen-Fanfarenzuges von Friedrichshafen geleitet. Neugierig klickete ich alle restlichen Beiträge an.
So auch Ihr verfasster Beitrag:
"Wie alles Begann! Erinnerungen an die Gründungszeit des Fanfarenzuges in Friedrichshafen"

Allerdings zu Ihrer Feststellung "Auch Mädchen fanden uns recht attraktiv. Wie sonst sollte man verstehen, dass Schülerinnen des Königin-Paulinen-Stiftes (die "Paulinchen"gab es damals tatsächlich) uns Jahr für Jahr Rosen aus Ihrem Garten an die Instrumente steckten." muss ich dazufügen, dass auch die Mädchen vom Antonius (sprich Sanktus) und St. Elisabeth Euch Burschen atraktiv fanden. Manche haben sich sogar in einen Musikanten verknallt. Klar, die Paulinchen verfügten über etwas mehr Lebenserfahrung als wir und wurden nicht von Pinguinen überwacht.

Antwort von Gerhard Kunze:

Bei allen Mädchen von Antonius und St. Elisabeth bitte ich vielmals um Vergebung. Wie blind muss ich damals gewesen sein. Gerne werde ich bei der Autorin direkt um Entschuldigung bitten, Name und Anschrift dazu wären hilfreich.

Gerhard Kunze

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